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KUNA – Hoffnung für Flüchtlinge

Andreas Hildebrandt ist Geschäftsführer von KUNA, einem Projekt, dass die nachhaltige Integration von Geflüchteten zum Ziel hat. KUNA ist Wohngemeinschaft und Social Business in einem. Flüchtlinge und Deutsche sollen als Community zusammenwohnen. Gleichzeitig werden Flüchtlinge mit dem deutschen Arbeitsmarkt vertraut gemacht und ihnen so neue Chancen eröffnet. Andreas organisiert die tägliche Arbeit mit Flüchtlingen, betreut sie in der Arbeitsfindung und entwickelt Partnerschaften. Zum Interview habe ich ihn Mitte Februar in Arbeitskleidung in der Scheune angetroffen, in der das erste Tiny House des Integrationsprojekt entsteht.

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Andreas, du leitest ein Projekt, das Flüchtlinge in Deutschland integrieren möchte. Wie bist du auf das Projekt gekommen?

Meine Familie und ich sind vor fünf Jahren hier in die Gegend von Heidelberg gezogen. Ich war 20 Jahre Pastor habe das aber vor einiger Zeit beendet, viele Weiterbildungen im Personalbereich gemacht und dann kam irgendwann die Anfrage, ob ich nicht Bock hätte, in dieses Projekt einzusteigen. Und da ich zu Migranten immer schon einen guten Draht hatte, hat mich diese ganze Herausforderung – ich sag ganz bewusst nicht Problematik – sehr angezogen. Da ich selbst im Grunde genommen Migrant bin – ich bin in Estland aufgewachsen, aber mit sieben Jahren hergezogen – kenne ich das, wie man sich als Migrant in Deutschland fühlt. Obwohl wir deutsch konnten, war trotzdem alles ungewohnt. Also hat mich das sehr angesprochen, vor allen Dingen auch diese praktische Komponente, mit den Flüchtlingen gemeinsam etwas zu bauen. Ich habe mir bisschen Bedenkzeit erbeten, aber eigentlich hatte ich die Entscheidung relativ schnell getroffen. Im November bin ich dann in das Projekt eingestiegen.

Es gibt ja verschiedene Integrationsprogramme. Was zeichnet euer Projekt aus?

Ich glaube nicht, dass wir hier etwas völlig Neues erfinden. Es gibt schon ein paar Programme, die so ähnlich laufen, die also Wohnen und Arbeiten miteinander verknüpfen. In Stuttgart, Leonberg, Karlsruhe, Freiburg gibt es ähnliche Projekte, aber angesichts der Herausforderung ist es fast nichts, was passiert. Dabei wäre das der ideale Ansatzpunkt, um zum Beispiel unserem Fachkräftemangel zu begegnen. Und unser Konzept funktioniert so, dass man das gemeinsame Wohnen – es ist ja geplant ein gemeinsames Wohnprojekt zu machen mit Deutschen und Flüchtlingen, ähnlich wie Mehrgenerationenhäusern mit privaten Flächen und Begegnungsmöglichkeiten – und Arbeiten miteinander kombiniert. Und das ist das Besondere. Ich glaube es geht auch nur beides zusammen. Wir merken das jetzt, wo wir nur mit dem einen beginnen und die andere Komponente, das Wohnen, noch fehlt. Denn im Wohnen und Arbeiten werden Kultur und Werte sichtbar. Und die kann man nur mit Wohnen und Arbeiten zusammen vermitteln. Deswegen ist auch das gemeinsame Wohnen so wichtig. Außerdem ist es eine Begegnung auf Augenhöhe, wenn man zusammenwohnt. Denn Flüchtlinge und Migranten werden so oft von oben herab als Bedürftige behandelt und wenn man zusammenwohnt und zusammen arbeitet ist das eine andere Ebene und das macht dieses Projekt meiner Meinung nach zu einem besonderen Projekt. Deswegen habe ich auch nicht lange überlegt, als ich gefragt wurde, denn wir können wirklich einen Unterschied in der Gesellschaft schaffen.



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Im Moment habt ihr also noch kein Wohnprojekt am Laufen, sondern arbeitet daran, Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Wie sieht das aus?

Ich habe jetzt die ersten Kontakte zu Firmen und die sind begeistert davon, weil viele Firmen eine Riesenhürde sehen, Flüchtlinge bei sich anzustellen. Sie brauchen quasi eine Vorinstanz, die ihnen Empfehlungen gibt und den Kontakt herstellt. Also helfen wir Unternehmen, die richtigen Mitarbeiter zu finden und wir helfen Flüchtlingen, eine Anstellung zu bekommen. Wir haben jetzt die ersten Kontakte und auch schon ein Vorstellungsgespräch mit einem Flüchtling vereinbart bei einer Firma, die im Baugewerbe tätig ist. Die suchen sowohl für den Bürobereich, als auch für Arbeiten im Innenausbau Leute. Und da sind mir sofort mehrere Leute eingefallen und die bringe ich jetzt zusammen. Und ich bin guter Dinge, dass wir da den ersten vermitteln. Das wird jetzt zuerst mal ein Aushilfsjob sein. Ziel ist für mich aber, dass sie eine Ausbildung machen, denn damit werden sie, auch wenn die wirtschaftliche Lage mal nicht so gut sein sollte wie zurzeit, Chancen haben. Und diejenigen, mit denen wir zu tun haben, wollen das alle. Sie wollen nicht abhängig sein vom Staat.

Nun steht ihr in vielen Dingen noch relativ am Anfang. Beschreib doch mal das große Bild. Was ist eure Vision mit KUNA?

Wir wollen ein Modellprojekt schaffen, das man skalieren kann, also in anderen Städten in Deutschland auch umsetzen kann. Es gibt hier in Heidelberg ein Projekt, bei dem nur das Arbeiten angeboten wird. Die machen es mit Gastronomie, wie haben uns auf‘s Handwerk spezialisiert. Es gibt in Stuttgart eins, das hat Wohnen und Café-Betrieb und eine Nudelmanufaktur, wo Flüchtlinge eingesetzt werden. Das sind alles kleine Modelle.

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Unser Ziel ist ein Projekt zu schaffen, wo diese beiden Aspekte gut funktionieren und das sich auch selbst finanziert und nicht nur von Spenden oder Stiftungsgeldern abhängig ist. Beim Teilbereich Wohnen wird das von selbst funktionieren durch die Mieteinnahmen. Und bei den handwerklichen Projekten, wie dem Tiny House, werden wir mittelfristig versuchen, die zu verkaufen und so die Kosten wieder rein zu holen. Wir könnten dann in Zukunft vielleicht auch individuell auf Bestellung solche Häuser produzieren. Aber da sind wir gerade noch total in der Expermentierphase und werden sehen, was wirtschaftlich machbar ist und zur Refinanzierung dienen kann. Im Moment arbeite ich mit 6-7 Flüchtlingen, die immer mal wieder und auch nie alle gleichzeitig da sind. Später können das auch deutlich mehr werden.

Du bist als Geschäftsführer im Moment für vieles zuständig, hast die Planung der Tiny Houses selbst gemacht, hältst den Kontakt zu den Flüchtlingen. Was sind für dich die größeren Herausforderungen, die technischen oder die kulturellen?

Jemand anders hätte gesagt die kulturellen, aber wie gesagt mir liegt das. Mit Flüchtlingen, Migranten, Ausländern komme ich sehr, sehr schnell auf eine gute persönliche Ebene. Deswegen sind für mich die technischen Herausforderungen die Größeren. Ich verstehe mich mit den allen blendend, die dabei ist. Ich sehe da eher Herausforderungen untereinander, weil ja auch die Flüchtlinge nicht alle auf einer Ebene sind, was ihre Tabus und religiösen Gewohnheiten angeht. Einer ist sehr religiös, den kann ich freitags nicht holen, weil er da beim Moschebesuch ist und auch wenn wir in einer Schicht zusammenarbeiten, hat er zweimal mindestens eine Gebetszeit. Beim ersten Mal wusste ich erst nicht, was er will. Als ich es dann verstanden hatte, habe ich gefragt, ob er einen Teppich braucht, in der Scheune finden wir bestimmt etwas. Dann hat er sich eine Styrodur-Platte genommen, hat sie nach dem Kompass ausgerichtet und seine Gebetszeit gemacht. Und das macht er jetzt immer und ist nach zehn Minuten wieder da. Am Anfang habe ich noch andächtig in der Nähe gestanden, aber er sagt, es ist ihm völlig Wurst ob wir weiterarbeiten oder nicht. Und solche Sachen schocken mich nicht und sind auch kein Problem. Danach hatten wir superviele Gespräche über Religion, über Glaube, über seine Gewohnheiten und über meine. Das ist total Klasse und daher ist das für mich echt das geringere Problem. Ich sehe darin eine Chance über diese Dinge ins Gespräch zu kommen.

Euer Projekt gehört ja auch mit zum sozialen Engagement der Mosaik Heidelberg [Anmerkung: eine christliche Gemeinde in Heidelberg, die auch zu Spark gehört]. Ist das allen klar, wenn sie bei euch einsteigen, dass dieses Projekt christlich motiviert ist?

Ja, das ist denen allen klar und das ist auch allen Wurst. Hauptsache das Ding läuft. Die sind da sehr pragmatisch. Also wir alle sind da pragmatisch, die Flüchtlinge, ich selbst und auch die anderen Verantwortlichen von KUNA. Und deshalb funktioniert es gut.

Was sind denn jetzt eure nächsten Schritte? Wie geht es weiter?

Also mir geht das Ganze ein bisschen zu langsam. Das Wohnprojekt wurde verschoben, weil in der Immobilie, die dafür ausgebaut werden soll, Asbest gefunden wurde. Und das verzögert das ganze jetzt. Ich weiß auch nicht warum so lange, aber es wird wohl erst nächstes Jahr fertig sein. Mir persönlich geht das zu langsam, weil ich davon überzeugt bin, dass das Projekt nur zusammen funktioniert. Das heißt wir werden dieses Jahr Arbeitsaktivitäten machen und Vermittlungen zu Firmen, aber eigentlich will ich mehr. Ich will gern Wohnen und Arbeiten zusammen sehen. Das ist das nächste. Wenn das Wohnprojekt dann funktioniert, werden wir auch einen großen Raum drin haben, den wir auch für Events vermieten, denn das gehört zu meiner Arbeit dazu, dass wir Locations vermieten zur Refinanzierung. Da haben wir jetzt schon manche Locations und diese kommt dann auch noch dazu. Den neuen Raum wird sonntags dann Mosaik mieten und unter der Woche können wir ihn für verschiedene andere Events nutzen. Und wenn das dann soweit ist werden wir da auch wieder die Flüchtlinge im Catering und in der Organisation mit einbeziehen. Das wird dann Anfang nächsten Jahres soweit sein.

Wenn es dann soweit ist, werden dann dort auch Leute wohnen, die nicht bei euch arbeiten und umgekehrt?

Naja, Ziel des Projekts ist es eigentlich, dass da nur Leute wohnen - Deutsche und Flüchtlinge - die Teil dieses Projekts sein wollen. Wir müssen das noch genauer beschrieben, was es heißt Teil des Projekts zu sein, aber wir helfen uns gegenseitig – helfen uns die Kultur zu verstehen und arbeiten auch ehrenamtlich mit. Wir werden auch Jobs schaffen, gerade im Catering und so, aber eigentlich soll das nur eine Übergangszeit sein und wir wollen sie an andere Firmen vermitteln. Und dann können sie schon wohnen bleiben, aber sich auch eine andere Wohnung suchen, damit wieder Platz wird für Leute, die am Anfang sind und die Hilfe durch KUNA dringender brauchen. Das soll ja jetzt am Anfang ein Wohnprojekt für 2x15 Leute werden, aber später auf 2x50 aufgestockt werden. Und dann wird es ein Kommen und Gehen werden, aber wer dort einzieht soll Teil des Projekts werden. Für jemand, der dann aus einem Flüchtlingsheim zu uns umzieht, wird das trotzdem schon sehr attraktiv sein. Und daher erhoffen wir uns auch ehrenamtliche Mitarbeit und bieten auch kleinere Jobs. Langfristig wollen wir aber nicht der Arbeitgeber werden, sondern vermitteln. Also stellen wird dann nach 3-4 Monaten ein Zertifikat aus, das aufführt, welche Erfahrungen sie gemacht haben, mit welchen Maschinen sie umgegangen sind oder was sie gebaut haben. Dann begleiten wir sie vielleicht auch bei der Bewerbung oder coachen sie dazu, so dass für sie ein Vertrag zustande kommt und sie integriert werden im Arbeitsmarkt.

Danke für diesen Einblick in euer spannendes Projekt. Eine letzte Frage: Wie kann man euch unterstützen? Wie kann man Teil dieses Projekt werden?

Wir stellen jetzt am 06.04. um 14.30 Uhr in Heidelberg unser Projekt vor. Dazu bringen wir das Tiny House auf den befestigten Platz an der Neckarwiese, gegenüber vom Yachthafen. Wir freuen uns, wenn ihr dort vorbei kommt und uns unterstützt. Am 26.04. gibt es dann um 11.00 Uhr in Bammental, wo das Tiny House gebaut wird, einen öffentlichen Termin, wo wir so eine Art kleines Richtfest feiern, der Bürgermeister dabei sein wird und alle, die sich für das Projekt interessieren.

Spenden kann man für unser Projekt über die Gemeinde Mosaik Heidelberg, mit einem Vermerk. Man kann immer mal wieder mithelfen beim Bau des Tiny Houses. Das geht nach Absprache. Wenn jetzt jemand Bock hat Pläne zu malen oder und er Öffentlichkeitsarbeit oder jemand der hilft bei Sponsoren Anträge zu stellen, ist das auch immer gefragt, vor allem wenn das Ding jetzt weiterwächst. Und wenn ich eine größere Werkstatt habe, würde ich auch gerne so Workshop-Wochenenden anbieten, wo man zusammen am Tiny House baut.

Das Interview führte Martin Böttinger für Spark.